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Bestellen kann man das Buch online oder in der Lieblingsbuchhandlung um die Ecke. Buchhändler wenden sich an Books on Demand, 22848 Norderstedt. Rezensionsexemplare für Redaktionen gibt es bei product verlag Schwäbisch Hall |
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'Nein! Ich war früher kein anderer Mensch. Ich war eine andere Person, weil ich in ganz anderen Welten lebte, in anderer Umgebung, in mir heute fremden Zeiten. Aus diesen Umständen heraus bin ich erwachsen. Das war mein Werden!' Ryan Marcus Osterloh, Hauptfigur dieser Geschichte, könnte mit solchen Worten seine Biographie beginnen. Nur: es gibt ihn lediglich in diesem Buch. |
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Werden i s t die Lebensgeschichte seines Erwachsenwerdens im Jahrzehnt der 1970er. Da es darin neben Anlehnungen, Parallelen, erfundenen Vorkommnissen und ausgeliehenen Träumen viele tatsächliche Ereignisse gibt, die manch LeserIn denkt, miterlebt oder in Erzählungen von Onkeln, Tanten, den Großeltern oder Eltern gehört zu haben, ist Werden wie ein erlebnisreiches Eintauchen in jene Zeit, aus der unser heutiges Sein entstanden ist. |
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Leseprobe 1 |
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"... in the middle of a raging sea, |
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she would make a scene for it all to be |
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ignored |
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and wouldn't you be bored? |
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strange brew, kill'n what's inside of you..." |
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Marc stellte die Kaffeetasse ab und bewegte mehr stimmlos seine Lippen als dass er den Song aus der Musicbox mitsang. Cream gehörte zu seinen Lieblingsbands. Aber schließlich waren sie ja nicht alleine im Bullinger. Obwohl noch nicht Mittag, waren doch schon einige der Typen da, die immer in dem Cafe der Bäckerei in der Bergener Innenstadt herum hingen. Man kannte sich vom Sehen, hatte aber wenig miteinander zu tun. Das waren die Bergener Jugendlichen und sie waren die Internatler aus Michelsberg. "Komm trink aus", sagte T.C., sein Zimmergenosse aus dem Internat. "Wir sollten rechtzeitig zum Mittagessen wieder im Schloss sein." Timon, neben Frieder Näher der einzige unter den Abiturienten des Internats, der schon ein Auto sein Eigen nannte, hatte die letzte Stunde geschwänzt und war mit seinem blauen Kadett in die Stadt gekommen, um Marc nach der Führerscheinprüfung abzuholen. Marcus freute sich riesig. Er hatte die Prüfung bestanden! |
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"Machen Sie den Motor aus und steigen Sie aus", hatte der Prüfer auf der Rückbank gesagt. Und Marcus war das Herz in die Hose gerutscht. Durchgefallen! Er schaute nach hinten, wie er's gelernt hatte, öffnete die Wagentür und stieg mit zitternden Knien aus. "Mist!", dachte er. Dann schloss er die Tür, ohne seinem Fahrlehrer, der während der Prüfungsfahrt neben ihm gesessen hatte, 'Auf Wiedersehen' zu sagen. Im selben Augenblick wurde das Fenster der hinteren Türe heruntergekurbelt und der Prüfer sagte von innen heraus "... und jetzt steigen Sie hier hinten bei mir ein, damit ich Ihnen Ihr Dokument überreichen kann." Er hatte bestanden! Das Aussteigen war noch Teil der Prüfung gewesen! Nicht nach hinten zu schauen, hätte einen Punkt gegeben, möglicherweise entscheidend fürs Bestehen oder Nichtbestehen. "...kill'n what's inside of you." Marc summte den letzten Riff und den Schlussakkord mit. "Der war fies, der Prüfer", sagte er zu T.C. "Hat mich erst glauben lassen, ich sei durchgefallen." |
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"Hast' den Führerschein gemacht?", fragte der Typ vom Nebentisch direkt neben der Eingangstüre, lange blonde, aber wellige Haare, Brille mit fast durchsichtigem Plastikgestell, schmales Gesicht, große Nase. Marc hatte ihn schon früher gesehen, hier oder vielleicht auch im Omega-Club. |
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Marc nickte ihm zu. "Ja", bestätigte er. |
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Der Typ hatte einen ganzen Stapel Papier neben sich liegen. Eine Schülerzeitung wohl, so wie's aussah. Er versuchte Marc und T.C.eine davon anzudrehen. Hieß 'product', das Machwerk. War ihnen aber egal. Sie nahmen keine, was dem Typen aber nichts auszumachen schien. Er bewegte nur kurz seinen Kopf nach hinten und zog dann einen Kugelscheiber aus der Brusttasche seiner Jacke und begann etwas in sein vor ihm liegendes Notizbuch zu schreiben. |
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Marc trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse und setzte sie langsam wieder ab, während sein Blick hinaus auf die Straße fiel. War das eben Astrid gewesen, die da am Fenster vorbeigegangen war? Er hatte sie seit dem Tag vor seiner Musterung vor zwei Wochen nicht mehr gesehen. |
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Die Tür ging auf und drei Mädels stürmten lachend ins Cafe. Zwei setzten sich an den Tisch neben der Musicbox hinter T.C., und Astrid wandte sich, nachdem sie ihm kurz und eher schüchtern zugenickt hatte, an den blonden Typen mit der 'product'-Zeitung. "Nur kurz auf die Schnelle, Ingo", sagte sie. "Ich muss gleich nach Hause." Sie sprach mit dem Typen irgend etwas über ein Haus und ein Treffen am Abend. Genau bekam Marc es nicht mit, denn T.C. drängelte. Er angelte mit seinen Armen nach hinten zu seiner Jacke, die über der Stuhllehne hing, musste dabei, während er zu Astrid hinübersah, ohne dass er wusste, warum gerade jetzt, an die flache, selbst genähte schwarzköpfige Stoffpuppe denken, die Linda Fay ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, und an seine Musterung. Da hatte er die Puppe als eine Art demonstratives Maskottchen dabei gehabt, überall, bei allen Untersuchungen und Gesprächen. Zweimal hatten ihn die Militaristen dort aufgefordert, 'das Ding' zur Seite zu legen. Man sei 'hier nicht im Kindergarten'. Doch Marc hatte nur gegrinst und die Puppe, außer beim Wiegen, nie aus der Hand gegeben. Nun, die Militärs hatten ihn nicht gewollt. Marc grinste. "Herr Ryan Marcus Osterloh, wir haben Sie der 'Ersatzreserve vier' zugeordnet. Das bedeutet, sie werden nicht zum Grundwehrdienst eingezogen." |
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"Ich wollte, wie Sie aus meinem Schreiben ersehen können, das Ihnen vorliegen sollte, den Wehrdienst verweigern." |
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"Das wird nun nicht mehr nötig sein, da Sie nicht zum Grundwehrdienst herangezogen werden." |
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Marcus grinste, als er an diese Szene dachte. Das Attest des Neurologen, zu dem ihn schon vor Jahren nach seinem schweren Verkehrsunfall und den nicht endenden Kopfschmerzen seine Eltern geschickt hatten, war wohl ausreichend gewesen. Drei Wochen vor dem Musterungstermin war er nochmals bei ihm gewesen, um dieses Attest zu bekommen. |
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Astrid schaute zu ihm herüber. |
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"Hast du mir Feuer?", fragte sie mit leiser Stimme, eine Zigarette in der Hand. |
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Marcus kramte in seiner Jackentasche nach dem Feuerzeug. Es lag unter dem Plastikbeutelchen, in dem sich noch zwei in Silberfolie eingewickelte Cuts befanden, wie er wusste. So einen hatte er sich am Morgen vor dem Attestbesuch beim Onkel Doktor auch unter die Zunge gelegt, mit entsprechenden Auswirkungen beim EEG, das der Neurologe einige Stunden später angefertigt hatte. "Schließen sie die Augen": Marc fiel in ein tiefes Loch. "Augen auf": er schwebte wie ein Schmetterling durch die Praxis. Die Sprechstundenhilfe hatte nichts, aber auch gar nichts bemerkt. Nur der Doktor hatte mit einem Stift mehrere, nein viele Stellen der Kurven auf dem papierenen Ausdruck rot markiert, als Marc wenig später bei einem kurzen Gespräch über das abzugebende Attest bei ihm am Arzttisch saß. |
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"Hier", sagte er und hielt Astrid die Flamme des Feuerzeugs entgegen. |
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"Danke. Und herzlichen Glückwunsch", gab Astrid zurück und stieß den Rauch ihrer Zigarette aus.. |
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"Woher weißt du...?" |
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Astrid grinste und warf einen kurzen Blick auf Ingo. |
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"Einmal durchgefallen, einmal bestanden,", sagte sie. Ich weiß alles. Jetzt fehlt nur noch das Abi." |
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"Jetzt kommen erst mal die Faschingsferien." |
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Zwei Wochen danach, Mitte März, nicht?" |
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Marc nickte. "Ja." Er blieb nahezu bewegungslos vor ihr stehen, immer noch das brennende Feuerzeug in der Hand. Nichts wusste sie. Beim Bund hatte er ja durchfallen wollen. Und der Unfall vor acht Jahren kam ihm da gerade recht. Unglück in Glück umwandeln, nannte er das für sich. Seine ständigen Kopfschmerzen nach dem Schädelbruch waren im Laufe der Jahre stetig besser geworden, vielleicht auch dank des starken Mittels, das ihm der Doc immer wieder verschrieben hatte, wenn er alle Halbjahr mal zu ihm in die Praxis gegangen war, meist in den Ferien: ein Barbiturat haltiges Schmerzmittel. Das nahm den Kopfschmerz weg, aber manchmal auch ihn selbst. Wie ein Zombie, hatten seine Schulkameraden gesagt, gehe er da manchmal durch die langen Gänge des Schlosses, bemerke kaum, was links oder rechts vor sich gehe, noch wer ihm entgegen komme. |
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Noch nicht ganz zwölf war er gewesen, als ihn damals das Auto erwischt hatte. Ein regnerischer Samstagnachmittag war es gewesen. Er war mit dem Fahrrad von einem Vorspiel im Studio seiner Klavierlehrerin nach Hause gefahren. Eine Frau, ebenfalls auf dem Fahrrad, hatte ihn zurückgehalten, "warte bis die ganzen Autos vorbeigefahren sind", nachdem die Bahnschranken sich wieder gehoben hatten. Das wusste er allerdings nur aus Erzählungen, wie alles von diesem Unfall. 500 Meter weiter war es dann passiert. Ein Kleintransporter war zu schnell durch das S-Kurvenstück der Ortsdurchfahrt gefahren, war auf den feuchten Pflastersteinen ins Schleudern geraten, hatte ihm das Vorderrad ausgerissen, war gerade mal 30 Zentimeter von ihm entfernt auf den Gehweg geraten und gegen die Hausmauer geprallt. Man musste den ebenfalls schwer verletzten Fahrer sogar aus dem Wrack heraus schneiden. Er selber war seitlich auf den Geweg gefallen und hatte sich den Schädelbruch zugezogen. Erinnern konnte Marcus sich nicht an das Geschehen, auch jetzt, fast acht Jahre danach nicht. Mehr als ein Tag fehlte ihm in seiner Erinnerung, unterbrochen nur von drei Ereignissen. Das Haus, auf das der Kleintransporter geprallt war, war zufällig das Haus eines Arztes. Da hinein in die Praxis hatte man ihn zur Notversorgung geschafft. Und während er da so auf der Liege lag, war er kurz aus der Bewusstlosigkeit aufgetaucht, hatte zwei, drei Leute über sich gebeugt wahrgenommen, die er überhaupt nicht kannte. Und dann war schon wieder alles dunkel. Ein zweites Mal war er im Krankenwagen zu sich gekommen. Sein Vater hatte neben im gesessen. Und - wie, das wusste Marcus selbst nicht, denn hinaus schauen aus dem Krankenwagen konnte er nicht - er hatte später seinem Vater genau die Stelle auf der Bundesstraße genannt, an der dies geschehen war, an der letzten Kurve vor der Einfahrt in die Innenstadt von Wental, was sein Vater ihm auch bestätigt hatte. Und das dritte Mal hatte er im Krankenhaus kurz das Bewusstsein wieder erlangt, als ihm von einer Schwester ein weißes Krankenhemd über den Kopf gezogen wurde, nachdem man ihn kurz durchleuchtet und seine Wunden am Kopf, Schürfungen und einen tiefen Riss über dem rechten Auge, versorgt hatte. Seiner war der 13. schwere Verkehrsunfall von 21 an diesem Nachmittag gewesen. Und im Krankenhaus hatten sie nur schnell, schnell gemacht, nur durchleuchtet, keine Röntgenaufnahmen, Wunden versorgt, Krankenhaushemd an und ab ins Zimmer. Den Schädelbruch hatte man nicht entdeckt. Erst der Neurologe diagnostiziert ihn, Monate später, als er die Röntgenaufnahmen nachholte, die das Krankenhaus nicht liefern konnte... |
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"Wir sind erst nächstes Jahr an der Reihe," meinte Astrid. |
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"Was? Ach so, ja." Abi. |
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"He", stieß ihn T.C. an. "Kommst du jetzt?!" Er klapperte mit den Autoschlüsseln. "Träumst du, oder was?. Ich hab dich gerade zweimal gefragt, ob du nach Michelsberg hinaus fahren willst." |
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"Wenn du mich lässt." |
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"Klar. Ich bin ja dabei. T.C. warf ihm die Schlüssel zu. "Da, fang sie auf!" |
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Die Schlüssel fielen zu Boden. |
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"Du träumst wirklich." |
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"Quatsch. Du hast nicht richtig geworfen." Marcus kicherte und hob die Schlüssel auf. |
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Sie verließen das Cafe Bullinger, bezahlten draußen an der Ladentheke der Bäckerei ihre Kaffees und gingen hinaus auf die Straße, wobei Marc über die Türschwelle stolperte, und beinahe gefallen wäre, weil T.C ihn an die Schulter boxte. |
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"Hey! Du scheinst ja immer noch wacklige Knie von der Prüfung her zu haben", lachte T.C. "Aber ich find's toll, dass du deinen Lappen hast." |
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"Fehlt nur noch ein Auto", gab Marc zurück. "Wo steht dein Opel-Popel?" |
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"Drüben an der Mauer." |
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Leseprobe 2 |
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Auf Marcs Schreibtisch lag aufgeschlagen sein neuestes Diary, in das er zwischen Weihnachten und Neujahr viel geschrieben hatte, um endlich mit seinem 'Träume'-Buch weiter zu kommen. Zwischendurch hatte er auch immer wieder Gedanken und Vorstellungen zu einzelnen Szenen für den 'Kain-Mensch'-Film notiert. 'Neubau der Autobahnbrücke quer übers Tal' las er auf einem der Zettel, die neben dem Diary lagen. Und 'Alter Super8-Film ohne die Brücke'. Er hatte sich erinnert, dass er solch einen Film 'mal gedreht hatte, von den Hängen hinunter auf das Tal, als die vor zwei Jahren begonnene Brückenbaustelle das Tal noch nicht verschandelt hatte. Die höchste Autobahnbrücke Europas sollte das einmal werden. 186 Meter hoch. Höher als der höchste Kirchturm der Welt... man würde das Ulmer Münster darunter stellen können, ohne dass die Spitze die Fahrbahn auch nur berührte. Marc ging, so wie er war, im Schlafanzug zu seinem mit allerlei Kartons vollgestellten Regal draußen im Durchgangsraum. "Irgendwo...", murmelte er. |
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Das Bett, das er vor Jahr und Tag dort als Astrids Nachtlager aufgebaut hatte musste wieder weg. Astrid ließ sich ja nicht mehr blicken und Sabrina nutzte es nicht, schlief bei ihm im Bett, wenn sie an den Wochenenden vom Studium kam. Aber seitdem war es in seinem eigentlichen Wohn-, Schlaf- und Arbeitszimmer einfach zu eng. Die ganze Wohnung wurde ihm zu eng. Es war zwar ein idealer Wohnplatzt, direkt am Markt, Mitten in der Altstadt, aber er brauchte dringend mehr Platz, mehr Raum, eine größere Wohnung. Nicht einmal Besuch konnte bei ihm übernachten, wie Ronnie, der zur Sylvesternacht mit seiner Freundin Marion nach Bergen gekommen war. Er hatte ihm schließlich, nach einem Gespräch mit Manfred Maeger, dem Club-Gründer, seinen Schlüssel fürs Artistenzimmer im ersten Stockwerk über dem Club überlassen, den er immer noch an seinem Schlüsselbund hatte, obwohl er ihn schon seit Jahren nicht mehr brauchte... Das letzte Mal, als er – wann war das gewesen? – mit Sigo dort übernachtet hatte... |
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Ob Ronnie und Marion wohl schon wach und in der Stadt unterwegs waren? , sinnierte er, als er in den Durchgangsraum ging, um nach dem Karton mit den Filmen zu suchen. Immerhin mussten sie Maeger ja, das war der Deal gewesen, den Schlüssel zurück bringen. Marion und Moni wollten sich um Fünf im Café am Markt treffen, fiel ihm ein. Und: "Ah, da ist er wohl dabei", murmelte er, als er den Deckel eines Kartons anhob und darin viele Filmrollen und seine alte Super8-Kamera sah, die er schon jahrelang nicht mehr benutzt hatte. Er wusste nicht einmal mehr, wann und warum er auf die Idee gekommen war, sich solch ein Ding überhaupt anzuschaffen. War wohl während seiner Volontariatszeit in Ulm gewesen. |
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Er ließ Karton und Filme auf dem Astrid-Lager stehen und ging ins Badezimmer, stellte vorher in der kleinen Küche seinen Wasserkocher an. Ein Tee, bevor er rüber ins Café am Markt ging, würde sicherlich gut tun. |
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Moni und Marion – wie hieß sie nochmal mit Nachnamen? Egger oder Egert oder so ähnlich – sie hatten sich im Club gut verstanden. Marion war wie Moni Tanzlehrerin, und die beiden hatten die halbe Nacht über das Tanzen und Monis Vorhaben, eine Kindertanzschule zu eröffnen, geredet. |
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Ronnie war enttäuscht gewesen, dass von seinen alten Freunden aus der Schulzeit kaum einer noch in Bergen lebte oder sich gar im Omega blicken ließ. "Es war schon blöde, damals, als mein Vater seine Agentur nach Tübingen verlegte und die ganze Familie dort hin zog. Nur gut, dass Sheila damals auch ihr Studium dort angefangen hat und wir die WG in Ondelsheim hatten... auch wenn's nicht lange gehalten hat. Hast mich einfach sitzen lassen, als das mit Ute auseinander ging und du Hals über Kopf wieder nach Bergen gezogen bist", boxte er Marc mit dem Ellbogen in die Seite, als sie nebeneinander im Omega-Nebenzimmer gesessen hatten. "Hast du von Ute wieder was gehört?" |
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"Nee", hatte Marc geantwortet. "Hab sie nur später noch mal zusammen mit der Marianne besucht, dem Kügele... kanntest du die überhaupt...Nee?... Die war hier in Bergen ihre beste Freundin." |
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"Sie ist nicht mehr in Tübingen." |
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"Sheila ja auch nicht." |
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"Nee, die ist zurück in die USA. Und Ute, hat sie mir im Sommer erzählt, als ich sie zufällig in der Stadt auf dem Wochenmarkt getroffen habe und anschließend mit ihr auf'n Kaffee ins 'Ludwig' gegangen bin..." |
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"Ah, unten am Neckar, gleich gegenüber der Zeitung...", |
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"Ja. ...sie ist an die Uni nach Bielefeld gewechselt, weil sie dort im Bethel-Krankenhaus eine Praktikumsstelle bekommen hat." |
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"Bielefeld? Die Stadt die's eigentlich gar nicht gibt?" |
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"Was? Wieso?" |
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"Ach, so 'ne Verschwörungstheorie. Mehr satirischer Spaß als ernst gemeint. Da hatten wir's erst kürzlich davon, als ich mit Sabrina bei Pezy und Jasmin in Berlin war...?" |
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"Pezy ist nach Berlin gezogen?" |
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"Ja, im Herbst. Er und Jasmin haben geheiratet." |
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"Und Elvira?" |
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"Von der hat er sich scheiden lassen. Das heißt, das ging wohl von ihr aus. Elvi studiert jetzt in Freiburg." |
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"Und Pezy?" |
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"Ist dort an der Filmakademie. Hat es endlich durchzogen. Davon geredet hat er ja schon lange. Und: wir haben auch ein gemeinsames Filmprojekt. Hat uns das Bergener Presseamt angedient. Ein Film über 'Alltägliche Gewalt' für eine Ausstellung der Freilichtspielstädte zu diesem Thema als Bergener Beitrag. Im März wollen wir mit den Dreharbeiten beginnen, wenn ich bis dahin das Drehbuch fertig habe... Wenn ich so überlege... Du könntest da mit machen. Wärst eine gute 'Kain'-Figur." |
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"'Kain?... von Kain und Abel aus der Bibel?" |
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"Ja, genau der soll im Film vorkommen... aber nicht als Brudermörder, sondern als eine mit einem Engel diskutierende Figur. Den Engel, dafür haben wir uns die Eva Briehl ausgesucht... Kennst du die?... Sie stammt aus Kinsau und war mir mit zusammen Trauzeugin bei Jasmin und Pezy. Deswegen war ich mit Sabrina in Berlin." |
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"Und diese Sabrina, mit der bist du jetzt zusammen?" |
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"Na ja, so..." |
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"Klingt nicht überzeugend." |
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"Sie studiert in Hohenheim, arbeitet an den Wochenenden draußen mit Paula und mir im Tea-Shop und wohnt ab und an wochenends bei mir, weil sie's mit den Eltern nicht immer aushält." |
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"Ist sie hier?" |
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"Nein. Sie ist zuhause bei ihrer Family geblieben, wo ich heut abend, äh gestern abend, wir haben seit 'ner Stunde ja schon Neujahr, zum 'Silvestermahl' eingeladen war. Bin geflüchtet, sobald ich konnte. Aber Sabrina wollte nicht mit. War auch über Weihnachten zuhause, als ich bei meinen Eltern in Wental war. Soo eng sind wir nicht gerade. Ist auch ein wenig zu jung noch. Nicht mal zwanzig." |
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"Und was war das mit dem Tea-Shop?" |
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"Ja, draußen in der Seldener Gasse. Da hab' ich jetzt in einem Raum mein 'profil'-Büro und helfe ab und an Paula im Laden. Paula Magit." |
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"Kenne ich nicht" |
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"Paula hat den Laden vor einigen Jahren zusammen mit ihrem damaligen Freund gegründet, einem Italiener, der sie aber vor zwei Jahren hat sitzen lassen. Sie hat daraufhin ihr Architekturstudium aufgegeben und betreibt den Laden alleine weiter, jetzt mit meiner, meist kläglichen Hilfe... |
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"Draußen in der Seldener Gasse?" |
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"Ja, da wo die kleine untere Gasse, die 'Zollwaag' einmündet. Da gegenüber." |
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"War dort früher eine Metzgerei? |
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"Ja, genau da. Danach war ein paar Jahre lang ein Fahrradladen drin, dessen Besitzer aber Anfang der 70er ermordet worden ist, drüben in seiner Wohnung in der Hilsenbachstraße. Man munkelt, der sei schwul gewesen. Den Mörder haben sie aber nie gefunden. Sandro hat in dem verwaisten Ladenraum dann mit Paula den Coffee and Tea-Shop eröffnet. Kaffee gibt's dort jetzt aber nicht mehr. Nur noch Tee und diverses asiatisches Gedöns, von Briefpapier über indische Seidentücher bis hin zu Teegeschirr aus China." |
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"Und wie verträgt sich das, ein Schreiberlings-Büro und ein Teeladen?" |
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"Bislang ganz gut." |
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Als Marc wieder durch das kleine Zwischenzimmer mit dem Astrid-Lager kam, stellte er seine Teetasse kurz ab und legte die Filmrollen wieder zurück in den Karton, alle bis auf die eine, auf der ein kleiner Zettel mit der Aufschrift 'Dampflok und Talblick' klebte. Er erinnerte sich noch, wie er den Rauch und Dampf über die Stadt hinweg von der obersten Stufe der Tempeltreppe aus aufgenommen hatte und später, als er beim Spazierenfahren und Landschafterkunden von Schönenbürg in Richtung Rückertsbronn gefahren war, von der Steige am Geißklingenbach entlang einen Schwenk übers Flußtal gedreht hatte, ohne zu wissen, dass just an dieser Stelle ein Jahr später mit dem Bau der höchsten Autobahnbrücke Europas begonnen werden würde... Aber den Projektor jetzt aufzubauen, dazu hatte er keine Lust. Würde er später anschauen. Er hob den Deckel über den Karton, verstaute diesen wieder unter dem Astrid-Sabrina-Lager, nahm die Filmrolle und seine Teetasse, die er auf dem obersten Regalbrett an der anderen Seite des Raumes abgestellt hatte, und ging in seinem Wohn-, Schlaf-Arbeitszimmer zu seinem Schreibtisch. Den 'Kain'-Notizettel und die Filmrolle packte er zusammen und legte sie auf die Kisten seiner Schallplatten-Sammlung. Dann ging er ans Fenster, schaute in die Nachmittagssonne und trank seinen Tee. |
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Anziehen sollte ich mich mal, dachte er, während er den letzten Schluck aus der Tasse nahm. Er ging wieder zu seinem Weinkistenregal mit den Schallplatten, schob die Filmrolle und den darunter liegenden Zettel beiseite, nahm die oben auf liegende 'Fleetwood Mac'-LP, die er sich erst kurz vor Weihnachten gekauft hatte, legte sie auf. Die Band hatte sich so sehr verändert. Ihre jetzige Musik hatte mit dem früheren Sound überhaupt nichts mehr zu tun. Außer John McVie und Mick Fleetwood, dem Bassisten und dem Schlagzeuger war ja auch niemand mehr aus der ursprünglichen Band dabei. Aber die neue Sängerin, die Fleetwood Mac sich angelacht hatte, gefiel ihm: Stevie Nicks... Marc war richtig begeistert von dem Song 'Rhiannon' über ein Mädchen, das wie eine Nachtlerche durch den dunklen Himmel flog und ihre Lover anmachte... Irgendwo tief in seinem Innern verband Marc, seit er den Titel letzten Sommer erstmals gehört hatte, und ohne dass er sich darüber eindeutig bewusst war, mit Paula... irgendwie... |